Die Entstehung der Welt

So steht es im Buch der Jahre geschrieben. Zu Anbeginn der Zeit, als da nichts war außer der Allvater selbst, erschuf er alles und herrschte er über die Meere, die Berge, den Wind, das Feuer, die Erde und über alles, was lebte.

Er schuf alles Leben in den Meeren und hauchte den Wäldern seinen Odem ein. Er ließ Steine wachsen und bedeckte die höchsten Gipfel mit Schnee. Er erwärmte die Erde und ließ Blumen und Sträucher sprießen und gab allen Tieren der Wälder ein Heim. Mond und Sonne tanzten zusammen über den Himmel, liebkosten sich, trennten sich und fanden wieder zusammen, wie in einem herrlichen Tanz. Der Allvater war stark und imposant und gleichzeitig sanft und gütig und sein Geist ruhte über seiner Schöpfung.  Die Macht des Allvaters war groß und sein Wissen über den Lauf der Dinge unendlich.

Ihm zur Seite stand sein getreuer Freund, ein mächtiges Tier, dass die Ozeane durchschwimmen und in den Himmel emporsteigen konnte. Seine Schwingen waren aus Gold und sein Körper überzogen mit schimmernden Schuppen. Auf dem Kopf trug es ein stolzes Geweih und niemand stellte sich ihm zum Kampf. Von den Eldre wurde er Áskæll genannt.

So verging die Zeit, doch der Allvater spürte, dass etwas kommen würde. In ihm bäumte es sich auf, zerrte und riss an ihm. Die Unruhe machte ihn rastlos und verschleierten seine Gedanken. Getrieben von seinem Inneren, in dem die eine Seite versuchte die andere niederzuringen, bäumten sich die Kräfte auf, zerrten an ihm, sodass all seine Macht das Chaos hervorbrachte. Dinge die er erhellen wollte stürzten in bodenlose Dunkelheit. Wo er Freundschaften entstehen lassen wollte, säte er Hass und Zwietracht.  In ihm brannte ein Feuer so heiß, dass seine sonst sanften Worte zu Zornesschreien wurden. Meere trocken unter seinem heißen Atem aus und nur noch Staub blieb zurück. Und dann war wieder die Kälte in ihm so unendlich groß, dass ein Blick von ihm ausreichte, um blühende Wälder vergehen und schließlich zu Eis gefrieren zu lassen. Wo er einst Leben schenkte entstanden widernatürliche Kreaturen, die sich in die Schatten zurückzogen. Was er mit seiner Linken erhalten wollte, wurde in seiner Rechten zu Asche, was er mit seiner Rechten wärmen wollte welkte und starb in seiner Linken und erstarrte für die Ewigkeit.

Die Eldre erzählten, dass der Allvater durch seine einst wunderschöne Heimat schritt, von der nichts mehr übrig war als Asche und Leere. Und inmitten des Chaos und der Zerstörung fand er einen kleinen Vogel, der gerade erst dem Ei entschlüpft sein musste. Sein Gefieder hatte kaum die Hüllen der Kindheit abgelegt und mit großen wachen Augen schaute er den Allvater an. Dieser beugte sich mit all seinem Mitgefühl über das kleine Tier und hob es auf, mit dem Willen es zu beschützen. Doch mit der ersten Berührung verbrannte er das Gefieder des kleinen Vogels, sodass es von nun an schwarz sein sollte. Die Hand, die einst Leben schenkte, brachte nur noch Leid und Schmerz. Er versuchte ihn mit deiner Linken zu heilen, seine Qualen zu lindern, doch die Leere und Kälte legte sich über das Vögelchen sodass seine Augen von nun an schwarz sein sollten und ein jeder, der von ihnen erblickt wird muss einen Blick in das Innerste seiner Seele erwarten.

Der Nebel kam auf und der Vogel flog davon, ohne sich umzusehen und mit ihm all die Zuversicht des Allvaters.

Und so fand ihn sein treuer Gefährte, aufgezerrt von der Wut, die in ihm kochte, die sein Gesicht zu einer Fratze des Hasses verzerrt hatte. Und gleichzeitig war da diese unendlich große Trauer und Leere, die nichts mehr in ihm zurückgelassen hatte. Der Nebel kam und legte sich auf den Allvater und mit ihm das Chaos. Es riss und zerrte an ihm. Áskæll kämpfte hundertfünfundsiebzig Tage und hundertfünfundsiebzig Nächte an der Seite des Allvaters um ihn zu schützen, doch dann waren auch seine Kräfte verbraucht und es zerriss den Allvater in Tausend Scherben. Wie Funken flogen sie mit dem Wind und wie Regentropfen fielen sie auf die Erde. Sein Geist aber wanderte ins Dunkel, jenseits der Welten. Áskæll sank zu Boden und trauerte sieben Tage und sieben Nächte um seinen einstigen Freund. Und als schon beinahe alles verloren war bäumte Áskæll sich mit letzter Kraft auf und brüllte, dass die Meere sich erhoben und die Erde Feuer spuckte. Die Eldre nannten diesen letzten Akt des Kampfes „Weltenschrei“ und an diesen sollen die Krieger gedenken, wenn sie in die Schlacht ziehen. Es steht geschrieben: „Gedenkt des Feuers und Eises, welche Kraft beides birgt und fürchtet das Zwielicht auf das ihr siegen werdet.“

Und mit dem Weltenschrei verbannte Áskæll die Wirren und die Zeit des Zwielichtes begann.

Von nun an wanderte er durch das Zwielicht, um alle Scherben des Allvaters aufzusammeln. Er durchschwamm alle Meere und tauchte auf den Grund der Ozeane. Er stieg auf jeden Gipfel und suchte in jeder Höhle. Áskæll siebte die Asche und schmolz mit seinem Atem das Eis. Er wanderte durch die Einöden, nicht wissen wo und wann er war, immer weiter und weiter. Und als er fast alle Scherben hatte, war er nur noch ein Schatten seiner Selbst. Seine einst so prachtvollen Flügel waren grau geworden und taugten nicht mehr zum Fliegen, seine Schuppen waren abgefallen und hinterließen nur noch Knochen, die von dünnen Fäden gehalten wurden.

Doch Áskæll ruhte nicht, bis alle Scherben gefunden waren.

Und aus den Funken formte er einen Krieger, stark und mächtig und von edler Gestalt. Ihn sollten die Eldre von nun an Dagur nennen, den Herrn über das Licht und das Feuer und das Leben. Den Gott des Krieges und des Eifers. Der Mutige, der Starke, der Herr des Tages und des Sommers und die Sonne sei seine Gefährtin. Aber sie sollten ihn auch für seine Rachsucht und seinen Jähzorn fürchten und nie vergessen, welche Zerstörung er bringen konnte.

Die übrigen Funken warf Áskæll in das Himmelsgewölbe. Dort strahlten sie in neuem Glanz und waren von nun an die Herdfeuer, an denen die Ahnen sitzen und der letzten Schlacht harren. Die Eldre sangen davon, dass Dagur selbst zu Weilen die Feuer besucht. Ein Feuerschweif am Nachthimmel der von Feuer zu Feuer huscht und in der letzten Schlacht werden die Krieger ihm in einem Feuerregen folgen. Doch den Raum dazwischen, der sei ihm verboten für alle Zeit.

Denn aus den Tropfen formte Áskæll eine Frau, wunderschön mit silbernem Haar. Ihr gab er den Namen Hugvareri, die Herrscherin über Nacht und Dunkelheit. Die Weise, die Stille, die Ruhe und Wissen in sich birgt. Sie ist die Herrin über den Tod und das Eis und der Mond sei ihr Gefährte. Wer ihrem Weg folgt, dem sollen heilende Wasser den Weg weisen und die Erkenntnis den Weg bereiten. Doch die Eldre warnten, nie die Kälte und Erstarrung allen Lebens zu vergessen, die die silberne Göttin in sich birgt.

Auch die übrigen Tropfen warf Áskæll in den Himmel. Dort spendeten sie Leben und ein dichter dunkler Wald wuchs, verborgen in der Dunkelheit, und bedeckte das Himmelszelt. In seinen Heinen wandelt die Göttin und wacht über die all jene, die an ihrer Seite in den letzten Kampf ziehen werden. In seinen Lichtungen brennen die Herdfeuer, aber Hugvaeri ist es verboten diese je zu betreten, jetzt und für alle Zeiten.

Doch eine Scherbe von jeder Seite nahm Áskæll in sich selbst auf, sodass die Kräfte nie wieder zu Gänze vereint werden konnten. So trennte er die beiden Götter, jeder auf seiner Seite. Und als Zeichen, dass nie wieder jemand es vergesse, musste die Sonne von nun an alleine den Himmel empor steigen, ihr gehört der ganze Tag, doch wenn der Mond sich am Rand des Horizontes zeigt, muss sie gehen und Platz für Nacht schaffen, wo nur der Mond alleine leuchten darf.

 

Áskæll zog sich ins Zwielicht zurück, und wacht von nun an für alle Zeit über die Grenze derer, die nie wieder vereint werden dürfen. Er ist der graue Wanderer, von den Eldre Undorn genannt, der Gerechte, der Aufopfernde. Nicht hier und nicht dort, sondern zwischen den Welten. Er wurde der Herr des Zwielichts, achtet für alle Zeit auf das Gleichgewicht der Kräfte. Auf seiner Schulter, so erzählten die Eldre, sitzt der schwarze Vogel, der Seelenvogel genannt wurde und sein Name ist Kølketðil. Er allein trägt die Last des Wissens über die Grausamkeit der Welt und blickt tief die Seelen derer, die das Zwielicht durchschreiten. Und seit je her ist es auch die Aufgabe des grauen Wanderers die Seelentiere zu beschützen und zu lenken, wo immer die Augen Kølketðil hinblicken.

Fürchtet das Zwielicht Undorns, denn von dort gibt es keinen Weg, so singen die Eldre. Nur jene, die sich Áskæll stellen und Kølketðils Blick standhalten werden in der letzten Schlacht das Zünglein an der Waage sein.

Und so entstand die Welt, wie wir sie heute kennen.